01 Feb 10
Zum Jahresanfang geben die Analysten der Researchabteilungen traditionellerweise ihre Einschätzungen für die Entwicklung des Jahres ab. Die umfangreichste Erhebung für den Bereich der Industriemetalle ist die Umfrage des Nachrichtendienstes REUTERS, welche schon seit vielen Jahren durchgeführt wird. In dieser am 26. Januar 2010 veröffentlichten Befragung wurden die Erwartungen hinsichtlich der Preisentwicklung der LME-Metalle Aluminium, Kupfer, Blei, Nickel, Zinn und Zink für die Jahre 2010 und 2011 abgefragt.
Anzugeben war durch die insgesamt 57 Teilnehmer der prognostizierte, durchschnittliche Kassakurs (Cash-Notierung). 48 Häuser gaben zum Basismetall Nickel für das Jahr 2010 ihre Schätzung ab, für das Jahr 2011 waren es noch 41 Adressen. Allgemein zeigten die Umfragewerte, dass vor dem Hintergrund einer zunehmenden wirtschaftlichen Erholung und einer starken Nachfrage aus China – trotz im zweiten Halbjahr erwarteter Belastungen aufgrund von fiskalischen und geldpolitischen Maßnahmen in den Volkswirtschaften – mit im Vergleich zum Vorjahr steigenden Metallpreisen gerechnet wird.
Für Nickel wird in 2010 mit einem Anstieg um 24% gegenüber 2009 gerechnet. Inwieweit die Prognosen die Geschwindigkeit des Anstiegs der Metallpreise zum Jahresanfang bereits berücksichtigt haben, ist kaum zu beurteilen. Bereits heute aber ist klar, dass sich die Prognosewerte für 2010 für die meisten Metalle um oder sogar unterhalb der aktuellen Notierungen befinden. Die 3-Monats-Nickelnotierung handelte zum Zeitpunkt der Drucklegung um USD 18.500,00/mt. Sollte sich das vorstehend skizzierte Erholungsszenario durch entsprechende realwirtschaftliche Daten weiter bestätigen, lägen die abgegebenen Prognosen daher wohl eher zu niedrig.
Dennoch ist an der Bandbreite der Kurse abzulesen, dass sich die Analysten durchaus nicht einig hinsichtlich der weiteren Entwicklung sind. Zum einen gibt es die Konjunkturskeptiker, die mit einer erneuten Negativkorrektur der Wirtschaft rechnen (Double dip) und damit auf Sicht wieder deutlich sinkenden Metallpreisen. Am oberen Ende der Erwartungen befinden sich die Optimisten, welche von einer weiteren Verstetigung der Erholung ausgehen und des Weiteren im Zusammenhang mit einem wieder deutlich zunehmenden Investoreninteresse und Risikoappetit erheblich höhere Rohstoffnotierungen als im Vorjahr prognostizieren.
Konkret bewegt sich der Konsensus (Durchschnitt der Analystenmeinungen) für Nickel für das Jahr 2010 bei rund USD 18.290,00/mt, wobei der höchste Wert der Umfrage bei USD 22.000,00/mt, der Niedrigste bei USD 14.750,00/mt liegt. Für 2011 sind die Preise etwas höher. Bei einem Durchschnitt von rund USD 19.160,00/mt, befindet sich die niedrigste Prognose bei USD 15.000,00/mt, der zuversichtlichste Preis bei USD 26.250,00/mt.
Sowohl die geringere Anzahl der Teilnehmer für 2011, als auch die deutlich höhere Streuung der Schätzwerte zeigen, wie schwer sich die Analysten berechtigterweise tun, längerfristige Preisaussagen zu machen. Ein nur moderates Ansteigen der Notierungen von 2010 nach 2011 im Konsensus scheint aber durchaus plausibel, wird doch, mit Ausnahme der Schwellenländer, allenthalben nur mit einer sehr langsamen Erholung in Richtung alter Kapazitätsauslastungen gerechnet. Zuversichtlich stimmt, dass selbst von den „Pessimisten“ kein Rückfall der Nickelnotierungen auf die Tiefststände von Ende 2008 gesehen wird.
Die Optimisten unter den Analysten stützen Ihre Aussagen im Wesentlichen auf die folgenden Argumente: Im Unterschied zur Preisentwicklung anderer Basismetalle hat sich Nickel im Vorjahr nur unterdurchschnittlich entwickelt. Daraus leitet sich ein gewisser Nachholbedarf ab. Dennoch waren es aber in der Tat vor allem fundamentale Faktoren, wie die nur sehr langsam in Gang kommende Edelstahlproduktion, die hierfür verantwortlich waren. Auch die Erwartung eines erheblichen zusätzlichen Nickelangebots aus Vorhaben wie Goro, Ambatovy und Ravensthorpe dürften den Markt in 2009 belastet haben.
Eine Analyse des Researchhauses CRU zeigt jedoch, dass sich die gesamten im Wirtschaftsystem befindlichen Nickelbestände – das sind neben den LME-Beständen auch die Bestände bei Produzenten, Konsumenten und Händlern – seit dem 1. Quartal 2009 reduziert haben. Der Eindruck, den die stark gestiegenen Nickelbestände in den LME-Lagerhäusern vermitteln, ist damit verzerrend. Entscheidendes, weiteres Ergebnis der Analyse der Nickellagerbestände durch CRU ist, dass sich insbesondere die Bestände bei den Verbrauchern seit dem 1. Quartal nahezu halbiert haben. Dies spricht für eine Von-der-Hand-in-den-Mund-Einkaufspolitik der Stahlwerke, von der bei weiterer Erhöhung der Kapazitätsauslastung nicht unerheb-liche Preisrisiken auf der Oberseite ausgehen. Ein weiteres Argument für steigende Nickelpreise ist die relativ geringe Verfügbarkeit von Nickeleinheiten bei den Schrotten/Sekundärrohstoffen. Ferronickel, welches ebenfalls bevorzugt in der Edelstahlproduktion eingesetzt wird, soll auch nicht gerade im Überfluss vorhanden sein. Auch könnte das Nickelangebot durch einen neben Vale Sudbury nun auch bei Xstrata drohenden Streik verknappt werden. Mittelfristig wird es überdies immer schwieriger, nickelreiche Erze zu finden, so dass die für die Raffination der gleichen Menge Nickel erforderlichen Erzmengen immer weiter ansteigen.
Zusätzlich hat die Erfahrung mit der Pressure Acid Leach-Technik gezeigt, dass häufig die angestrebten Outputmengen, wenn überhaupt, erst nach Jahren erreicht werden konnten. Das insbesondere in China eingesetzte Nickelroheisen (nickel pig iron/NPI) hat eine große Bedeutung in der Nickelversorgung gewonnen, wobei aber bezweifelt wird, dass sich die gegenwärtigen Produktionsmengen noch wesentlich werden steigern lassen. Denn, zum einen resultiert der preisliche Wettbewerbsvorteil vor allem aus der Nutzung veralteter, abgeschriebener Kapazitäten, zum anderen stellen schon die gegenwärtig verarbeiteten Mengen die bestehende Transportlogistik vor erhebliche Herausforderungen. Beides sind ist Engpässe im Hinblick auf eine weitere, erhebliche Ausdehnung der NPI-Produktion.
Auf einer Veranstaltung der Commerzbank zu den Perspektiven der Kapitalmärkte in 2010 wurden durch einen Analysten der Allianz Global Investors (AGI) die Erkenntnisse des eigenen Hauses präsentiert. In aller Kürze zusammengefasst, wird folgendes Bild erwartet: Die Immobilienmärkte stellen in 2010 kein Risiko mehr dar (allenfalls könne man eine neue Blasenbildung in Teilen von Asien befürchten). Hingegen wird auch das Jahr 2010 weiter durch schlechte Nachrichten aus dem Bankensektor, im Zusammenhang mit erforderlichen Abschreibungen und der damit verbundenen, notwendigen Eigenkapitalbeschaffung, geprägt sein. Auch die Fiskalpolitik wird ein wichtiges Thema sein, da Ratingagenturen zunehmend beginnen werden, von den Staaten Vorschläge für Gesundungsprogramme zu fordern. Dies kann auf mittelfristige Sicht nur zu Steuererhöhungen führen. Die derzeit in Deutschland geführte Diskussion, hebt sich daher etwas anachronistisch von den in anderen Ländern bereits durchgeführten und geplanten Maßnahmen zur Erhöhung der Steuereinnahmen ab.
Hinsichtlich der Weltkonjunktur erwartet AGI, dass die Zahlen eher auf der positiven Seite überraschen werden. Insbesondere sollten in den Quartalen 1 und 2 die Wirkungen der staatlichen Fiskal-/Konjunkturprogramme voll zur Entfaltung kommen. Anhaltspunkte für ein erneutes Abrutschen der Ökonomie sieht man bei Allianz nicht. Alle verlässlichen Frühindikatoren unterstützten das Erholungsszenario. „Flüsterschätzungen“ gehen für das Wachstum in den USA für das 4. Quartal 2009 gar von plus 6% aus! Mit dem zweiten Halbjahr 2010 und fortgesetzt in 2011 wird jedoch eine „neue Realität“ Einzug halten, geprägt durch unterdurchschnittliche Wachstumsraten in den Industrieländern. Überschussliquidität wird durch die Notenbanken sukzessive zurückgeführt werden.
Bei der EZB werden erste Leitzinserhöhungen für das zweite Halbjahr erwartet (im Verlauf/Ende 3. Quartal 2010). Ende des Jahres rechnet man mit einem Leitzins von 1,5% in Euroland und 1% in USA, wobei erwartet wird, dass die Fed etwas früher mit Zinserhöhungen beginnen wird, als die EZB. Der US-Dollar wird eher positiv bzw. fester gesehen. Liegt die langfristige Kaufkraftparität aktuell bei 1,20 bis 1,25 USD/EUR, gehen die Analysten von einem leichten Aufwertungsdruck aus, der die Notierungen in eine Bandbreite von 1,35 bis 1,45 USD/EUR bringen sollte. Allgemein kann man an vielen Märkten feststellen, dass die Niveaus vor der Lehman-Pleite wieder erreicht wurden, so dass man z.B. für den deutschen Aktienmarkt in 2010 eher von einem Übergangsmarkt ausgeht, der von Korrekturen und Seitwärtsbewegungen geprägt sein wird.
| LME Official Close (3 Monate) | ||||
| 1. Februar 2010 | ||||
| Nickel (Ni) | Kupfer (Cu) | Aluminium (Al) | ||
| Official Close 3 Mon.Ask |
18.150,00 USD/mt |
6.694,00 USD/mt |
2.077,50 USD/mt |
|
| LME Bestände in mt | ||||
| 4. Januar 2010 |
1. Februar 2010 |
Delta in mt | Delta in % | |
| Nickel (Ni) | 158.424 |
165.870 | +7.446 |
+4,70% |
| Kupfer (Cu) | 502.400 | 543.525 | +41.125 | +8,19% |
| Aluminium (Al) | 4.624.425 | 4.611.350 |
+13.075 |
+0,28% |